Kritiken
Dr. Antonia Wunderlich / Kunsthistorisches Institut Köln

zur Ausstellung „The Touch of the Blue Sky“   2010 (verkürzt),

Lassen Sie Ihre Augen dem Pinsel folgen, den Kontrasten, dem Spiel zwischen der offenen, freien Leinwand und den Farbflächen, den unterschiedlichen Materialien wie Sand oder Stoff, den Farbverläufen und Spritzern. Und dann spüren Sie in sich hinein, was passiert.

Ich finde, dass da eine innere Bewegung entsteht, ein Mitgehen-Wollen, schließlich auch eine ganz schlichte Freude an der Begegnung mit der Kunst.

Was gibt es an dieser Freude groß zu verstehen? Sie ist da, um sie zu genießen! Dost-Noldens Bilder existieren nicht als Konstruktionen, die sich erst durch eine Analyse, einen erklärenden Text, erschließen. Sondern sie sind Welten, in denen sich Geistiges und Materielles mit großer Leichtigkeit durchkreuzen und deren Sinn sich erschließt, wenn man in sie eintaucht, gerade dass man eintauchen kann, ist schon ein großer Teil ihres Sinns.

Und natürlich ist trotzdem die rationale, vernünftige, effektive Welt nicht ausgeschlossen. Weder die Bilder noch die Skulpturen – wie diese hier – könnten funktionieren, wenn nicht jemand mit viel Wissen um das Material, mit einer großen technischen Erfahrung, mit einem sicheren Gespür für Raum, Form, Bewegung und Oberfläche ans Werk gegangen wäre.

Die Skulpturen bringen Sie noch viel stärker in Bewegung als die Bilder- die das auch tun, aber mit anderen Mitteln.

Dost-Noldens Skulpturen sehen von jeder Seite anders aus, offenbaren mit jedem Schritt, den Sie auf Ihrem Weg um sie herum tun, eine neue Ansicht. Mal überwiegen die geometrischen, klaren, strukturierten Teile, mal die bewegten, man könnte sagen: lebendig gewachsenen Formen.

Das Material, Eisen, erhält in diesen Skulpturen eine Freiheit, die es sonst nicht hat: es flattert wie ein Stoffband im Wind, es schwingt wie junger Baum, es zackt sich wie ein immaterieller Blitz.

Dost-Nolden geht eigentlich wie eine Alchemistin ans Werk, deren fester Glauben an ihre gestalterische Kraft das Material gleichsam überzeugt, sich ihr anzudienen, ihr Spiel mitzuspielen.

Ich hoffe, Sie lassen sich ebenfalls zum Mitspielen animieren.

 
Julia Köster M.A.

zur Ausstellung „Auf dem Weg“, am 29. 10. 2009 (verkürzt)

Ausgehend vom Ausstellungstitel „Auf dem Weg“, birgt dieser schon alle wichtigen Merkmale, die das Werk von Dagmar Dost-Nolden kennzeichnen, in sich.

Gemeint ist der Weg der ewigen Energie in den verschiedensten Formen. Die Bewegung dieser Energie und ihre ständige Veränderung und Entwicklung. Es geht der Künstlerin nicht um das Stabile, Fertige, sondern um das Bewegte, die Zwischenstufe, das Werden und Vergehen.

Oft ist es nichts Bestimmtes, was man gut benennen könnte, weil es nämlich immer ein Prozess ist, der dargestellt wird. So ist es mit fast allen Titeln der Kunstwerke. Sie sind wie Geheimnisse, welche genug Spielraum für die Assoziationen der Betrachter lassen.

Die Künstlerin setzt  diese Titel oft erst im Nachhinein, da sich während des Malprozesses eine Richtung abzeichnen kann, die sie weiter verfolgt und dann benennt.

Die leuchtenden Farben fließen auf der Leinwand und der Betrachter taucht in den Strom dieser Energie und dessen Dynamik ein. Es gibt keinen Anfang und kein Ende und genau diese Zwischenebene steckt voll von Kontrasten und Spannungsverhältnissen, nicht zuletzt dem der Fläche zur Linie.

Das Bewusste steht dem Unterbewusstem gegenüber, das Rationale dem Irrationalem, die Spontaneität der vorangegangenen Planung, konkrete gegen geistige Begriffe.. Der Mensch zwischen Erkennbarem, Geahntem und Realem. Genau er ist es, der alles, was die Künstlerin sichtbar machen will, in sich vereinigt,: er bewegt sich, verwandelt sich und setzt  Energie frei. Er handelt aus Emotionen und Stimmungen.

Diese abstrakten Begriffe wie Energie, Dynamik, Impuls, Bewegung, Atmosphäre, Licht, Luft finden  durch Farbzusammenballungen, Farbstrudel, Explosionen ungezügelter Bewegungen einen Weg auf die Leinwand.

Es gibt keine formale Mitte, doch oft einen Mittelpunkt, der durch eine intensivere Farbe und vor allem durch die unterschiedliche Oberflächengestaltung gegeben wird.

Diese unterschiedliche Partien erzielt die Künstlerin durch eine besondere Technik. Sie schlemmt  die Leinwände vorher mit Kreide ein, so dass die Feuchtigkeit die Farbe aufsaugt und die Pigmente so unregelmäßig auf dem Grund verteilt. So kommt es zu leicht transparenten Partien, die wie ein Aquarell wirken.

Das beimischen des Sandes hingegen führt zu einer haptischen Oberfläche. Eigentlich verdichtet der Sand, doch führt er auch zu einer gewissen Leichtigkeit und Lebendigkeit, da die Zwischenräume der Körner auf der Leinwand eine Bewegung erzeugen. Er formt die figürlichen Partien und lässt den Betrachter verschiedene Figuren erkennen. Mal sieht der Betrachter einen direkten figürlichen Bezug und mal bekommt  er durch den Titel eine Richtung angezeigt.

Diese zu Anfang flüchtig wirkende und in einigen Momenten sicherlich auch so umgesetzte Arbeitsweise ist eigentlich sehr zeitaufwändig.

Doch nicht nur bei der Herstellung, sondern vor allem bei der Betrachtung, spielt der Zeitaspekt eine besondere Rolle.

Ein flüchtiger Pinselstrich fordert nach einem intensivem Blick, denn nur so offenbart sich die Energie des Bildes, nur so taucht  man ein in den Strudel der Bewegung, begibt sich auf den Weg in das Bild.

Die Energie verbreitet sich über den Rahmen hinaus in den Raum. So wurden auch die Leinwandoberflächen mit der Zeit immer plastischer und so war der Schritt in den Raum, hin zu Skulptur, eine logische Folge, eine räumliche Fortsetzung. Hier wurden die Aspekte der Malerei Dagmar Dost-Noldens in ein anderes Medium übersetzt

Es handelt sich bei den Skulpturen um extrem reduzierte Körper, die sich ebenfalls auf dem Weg befinden, auf dem Weg hin zum Werden oder Zerfließen. Diese Körper strahlen eine gewisse Ruhe aus. Gezeigt wird ein stiller Moment in einem Bewegungsfluss, der kurz zum Stillstand gekommen ist. Das Material, das Eisen, birgt durch die Hilfe des Lichtes genauso wie die ganze Skulptur durch ihre 3-Dimensionalität wiederum Bewegung in sich. Die Sonne taucht das Material  in verschiedene Rot-Töne. Die 3-Dimensionalität führt zu einer Mehransichtigkeit und ein Umschreiten der Figur versetzt sie in Bewegung.

Ich möchte auf einen weiteren Bereich im Werk der Künstlerin aufmerksam machen, dem der Leinwand als Skulptur. An den Leinwänden befinden sich plastische Elemente, die die Leinwand über den Rand hinaus erweitern und so die Energie verdeutlichen, die keine Begrenzung kennt und frei in den Raum fließt. Die Künstlerin verteilt diese frei stehenden Leinwände im Raum und schafft einen Bezug zwischen ihnen.

In Einordnung des Werkes in den kunsthistorischen Kontext, spielt der Weg der Künstlerin von Prag nach Köln im Jahr 1978 eine bedeutende Rolle. Nach hervorragendem Diplomabschluss bei einem in Bezug auf verschiedenen Kunstrichtungen sehr offenen Professor an der Kunstakademie in Prag stößt die Künstlerin Ende der 70er Jahre in Deutschland auf viele verschiedene radikale Strömungen, eine wilde Szene mit einer ausgeprägten schöpferischen Freiheit. Dies führte zwangsläufig zu einem anfänglich zurückgezogenem Arbeiten für sich selbst. Dennoch war sie natürlich direkt von diesen Strömungen  umgeben und das gesehene führte zu einer Weiterentwicklung ihrer eigenen Kunst.

Dies lässt sich besonders in Bezug auf die Neo-Expressionisten beobachten. Die expressive Abstraktion Dagmar Dost-Noldens hat viele Parallelen zu der als künstlerische Außenseiterposition begriffene Strömung, die sich Anfang der 60er Jahre als Abkehr zum vorherrschenden Informel bildete. Die Bildsprache zeichnet sich durch spontane und emotional heftige Gestik aus.

Sie forderten nach der Rückkehr der Malerei zu einer persönlichen, symbolischen Bildsprache, natürlich mit einem direktem Bezug zu den Expressionisten am Anfang des Jahrhunderts. Genau diese Bildsprache finden wir auch in dieser Ausstellung. Doch diese Parallelen, sowohl thematisch als auch in der technischen Umsetzung, erlauben es nicht, die Künstlerin einer direkten Strömung unterzuordnen, da sie ihre doch ganz eigene Bildsprache erfunden hat.

Auch Bewegung findet Ihren Ausdruck. Personen, Energiequellen, die direkt aufeinander reagieren. Doch nicht nur die Energie der Figuren ist zu sehen, sondern auch die Energie des Raumes, die sie umgibt und mit der sie interagieren.

Die unterschiedliche Oberflächengestaltung ist deutlich zu sehen. Helle stehen dunklen Partien gegenüber, transparente eher schweren, und der Sand erzeugt in den Figuren eine Bewegung. Sehr deutlich ist bei diesem Sujet natürlich der Bezug zum Theater, dem Tanz, der Performance, die bei der Künstlerin eine ebenso große Rolle wie die bildende Kunst spielen.

Der Tanz und auch die Performance sind direkte Ausdrücke des Menschen selbst, ein Freisetzen von Energien außerhalb der Leinwand und des Materials. Somit bündelt dieses Beispiel alle Aspekte, die der Künstlerin wichtig sind. Der Mensch und die Energie, die er frei setzt und die Ihn umgibt, seine Bewegung und Dynamik., die sich nicht nur inhaltlich, sondern auch durch die Wahl künstlerischen Mittel ausdrückt.

Dagmar Dost-Nolden schafft es mit wenigen Mitteln einen solch vielschichtigen Ausdruck zu erzeugen, wie es diesen vergleichsweise kaum gibt.

Ihr internationales Ansehen zeigt sich in den Sammlungen und Ausstellungen rund um den Globus, in denen sie vertreten ist und auch auf der Biennale in Venedig ist dieses Jahr eine Rauminstallation von ihr zu sehen. Begeben Sie sich nun auf den Weg hinein in das Bild und lassen sie sich von den verschiedenen Energien mitreißen.



 
Kunsthistoriker Dr. Jiří Karbaš

Die Künstlerin Dagmar Dost Nolden hat an der Prager Akademie Bildende Künste bei Prof. J. Smetana  studiert.

Sie lebt schon mehr als 20 Jahre in Deutschland, wo Sie viele Einzelausstellungen hatte. Seit dem Jahr 1998 ist sie wieder auch in der Tschechischen Republik tätig, wo Ihre Bilder vor allem in den Ausstellungen Nového Sdružení zu sehen waren. Das Interesse an Menschen und deren Problematik war die ursprüngliche Quelle der Inspiration. Die zuerst expressiven, figurativen und landschaftlichen Bilder entwickelten sich weiter zur Abstraktion. Ihre Malerei konnte sich so von den Inhalten befreien und wirken durch sich selbst.

Die Künstlerin beschäftigt sich mit dem Problem des menschlichen Verlorenseins sich selbst, in sich selbst, im Verhältnis zur Umgebung und dem Universum. Der Mensch wird zu Labyrinth, zu einem Teil von freifließender Energie, die das ganze Universum formt. Es sind Blicke in Mikrokosmos und Makrokosmos in uns und um uns herum, deren vielfältige Energien uns ständig durchströmen. Formen und Linien verbinden sich, fallen auseinander, durchgehen verschiedene Modifikationen, ruhen sich nebeneinander aus, um dann kräftig aufeinander zu prallen, zerbrechen und anschließend ein neues Gebilde zu formen.

In diesen Bildern klingt die Farbe des Universums, übersetzt in organische und anorganische Formen. Linien und Flächen werden zu mächtig pulsierendem Leben. Diese Bilder erinnern etwas an den großen Maler, Begründer der abstrakten Malerei in Tschechien,  Františka Kupku. Seine kosmische Frühlinge haben die gleiche  kosmologische Idee.

Ein wichtiger Bestandteil ihrer Malerei ist Licht. Licht und Raum sind hier fast bestimmend. Ein großes Gefühl für die Farbe und die Komposition führt die Malerin von zart durchsichtigem Auftrag bis zu dicken Farbpasten verstärkt durch Sandbeimischungen. In manchen Bildern wirkt der Sand durch seine eigene Materie, Farbigkeit und Struktur. Er bleibt ungesiebt, ungereinigt, grob, er wird nicht übermalt, sondern wirkt nur durch Sich  und die Eigenheit mit seiner Struktur Licht zu brechen. Er wird zum Lichtfaktor. Die Farben können hier mal wild und feurig explodieren oder auch  ruhig, kühl und sogar distanziert, fast farblos wirken. Die ganze Breite der Farbklaviatur wird ausgespielt. Die meisten Werke werden in der Technik Öl auf Leinwand gemalt, erweitert um verschiedene Zusätze in Farbe und Untergrund. Für die Suche nach Transformation des Themas in die begrenzte Fläche des Formats ist die Expressivität und Unruhe bezeichnend.

Die Kompositionen  der Künstlerin D. Dost-Nolden scheinen den Rahmen des Bildes zu ignorieren, sie gehen weiter in den Raum, wo sie sich weiter verbreiten. Wenn wir uns dem Sog des blauen Strudels überlassen, so öffnet sich ein Kosmos vor uns, dessen Entdeckung sich lohnt. Wir werden in geahnte und geheimnisvolle Welten hineingezogen, die uns nicht mehr in Ruhe lassen.

Dr. Jiří Karbaš

 
Dr. Jenny Graf-Bicher

Auszug aus der Rede zur Ausstellung in Museum Siegburg 2002 (Gedok Köln)

„Nur über die Augen erfahren wir die Arbeit von Dagmar Dost-Nolden, eines der wenigen rein malerischen Werke dieser Ausstellung. Es spielt auf der Grenze von Abstraktion und Gegenständlichkeit und bietet so verschiedene Zugangsmöglichkeiten. Ob wir nun menschliche Gestalten in gegensätzlicher Haltung und Tätigkeit identifizieren oder eine freie Farbkomposition wahrnehmen, in jedem Falle geraten wir in den Bann heftiger malerischer Energien.

Da gibt es die lauten Farbklänge von intensivem Rot und Türkisgrün, von schmutzigen Schwarz -und Weißtönen:  ebenso die Spannung zwischen geballten Kraftzonen und Beruhigten, fernen Bereichen. Der Titel „Nur tun“ bestärkt darin, im kompositorischen Drama des Bildes Korrespondenzen zu eigenem Erleben zu entdecken. „

 
Kunsthistorikerin Dr. Gisela Hoßmann

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde häufig das Ende der Malerei proklamiert, doch manche Künstler haben sich selbst in Zeiten radikalster Umwälzungen innerhalb der bildenden Kunst nicht beirren lassen und haben weiterhin ihre Bilder gemalt. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, beweisen die vielen und vielfältigen Ausstellungen in Museen, Galerien und Kunstmarktkojen, dass das gemalte Bild nichts an Aktualität verloren hat.

Dagmar Dost-Nolden ist Malerin aus einem inneren Drang und der Notwendigkeit heraus, das, was sie sieht, fühlt und bewegt in Farben und Formen auf die Leinwand zu bannen und sichtbar zu machen. Ihr künstlerischer Werdegang, der bereits um 1960 begann, führte sie in den 90er Jahren von einer anfangs figurativen, thematisch leicht verständlichen Kunst zu einer expressiven, beinahe geistigen Abstraktion.

Die Arbeiten der letzten 5 Jahre, die dieser Katalog in ausgewählten Beispielen zeigt, machen deutlich, in welchem Spannungsverhältnis die Künstlerin lebt und welche Gegensätze sie in ihr Werk einbringt: Bewusstes und Unbewusstes, Rationales und Irrationales, Spontaneität und überlegte Planung, konkrete und geistige Realität sowie Natur und Artefakte. Dabei spielen vor allem abstrakte Begriffe wie Energie, Dynamik, Impuls, Bewegung, Atmosphäre, Licht und Luft eine wichtige Rolle. Noch wichtiger sind der Künstlerin aber die Themen "Mensch" und "Natur" in ihrer ganzen Vielfalt und Ambivalenz.

Energien entladen sich in Farbzusammenballungen und Farbstrudeln und hie und da in kraftvollen Explosionen, die häufig aus einer Mitte kommen, ohne dass diese auch formal die Mitte der Komposition ausmacht. So entstehen Durchblicke und Öffnungen in die Tiefe der Leinwand, in das, was hinter dem Sichtbaren der Oberfläche zu liegen scheint.

Explosionen sind ungezügelte Bewegungen, die die Künstlerin durch kräftige Pinselstriche deutlich macht. Ein leuchtendes Rot, ein strahlendes Gelb, ein intensives Blau wirbeln über die Leinwand und senden in alle Richtungen Strahlen aus. Die Kraft und die Energie, die die Künstlerin in diese Kompositionen legt, springen dem Betrachter geradezu entgegen. Oft zucken auch schwarze Linien wie Blitze über die Bildoberfläche ("Energie" 1), betonen die Bewegung der Zweige und Blätter eines Baumes ("Baumsymphonie" und "Geheimnisse des Dickichts") oder heben die äußere und innere Bewegung eines Menschen hervor (Serie mit dem Titel "Ruf").

Dagmar Dost-Nolden beschäftigt sich aber vor allem  mit dem Thema "Mensch", er steht im Mittelpunkt ihres Interesses, denn er vereinigt in seinem Wesen alles, was sie sichtbar machen möchte: er bewegt sich, er verwandelt sich, er setzt Energien frei und handelt aus Emotionen und Stimmungen heraus. Oft ist das, was sie zeigen möchte, nicht auf den ersten Blick  erkennbar, denn ihre Bildmotive sind häufig schwer zu entziffern. Sie fordert vom Betrachter den zweiten Blick auf ihre Arbeiten und seine Phantasie zur eigenen Interpretation. Die menschliche Figur und das Umfeld, in dem sie steht, verschmelzen häufig miteinander und bilden eine Einheit in der Vielfalt. Ein gutes Beispiel dafür ist das energiegeladene "Diptychon", das bei längerer Betrachtung aus dem vielfältigen Farben- und Liniengewirr einen Mann und eine Frau hervortreten lässt, die sich antithetisch gegenüberstehen. Beide Figuren senden Energien aus, die in strahlenförmigen Linien auf das Gegenüber treffen. "Die äußere Form ist gar nicht so sehr wichtig, die Inhalte können auch in der abstrakten Malerei ausgedrückt werden", hat die Künstlerin einmal dazu geäußert. Dieses "Diptychon" beweist ihre Theorien, und zeigt  zugleich, wie sehr sie selbst in ein Zwiegespräch mit ihren Figuren eintritt.

Jedes Bild im Gesamtwerk der Künstlerin entsteht durch Inspiration während des Malprozesses, durch Gedanken und Gefühle und die jeweilige Stimmung, in der sie sich befindet. Diese unterschiedlichen  Kriterien steuern die Entwicklung eines Motivs. Vieles legt sie zwar vor Beginn ihrer Arbeit fest, doch das meiste manifestiert sich - oft zum eigenen Erstaunen der Künstlerin - in nicht geplanten Formen und Farben auf der Leinwand.

Die Farben sind die Basis ihrer Malerei, sie geben die Grundstimmung an, in der sich die Künstlerin bewegt. Und ihre Farben sind selten düster, grau, matt oder traurig. Ihre Farbpalette ist vielmehr hell, leuchtend und positiv.

Dagmar Dost-Nolden führt das auf ihre Herkunft zurück, auf die Sehweise, die sie in ihrer Geburtsstadt Prag erfahren hat. Prag ist eine Barockstadt, farbenprächtig und nuancenreich und zu jeder Jahreszeit lichtdurchflutet. Die Wahrnehmung dieses Phänomens hat sich in ihr Bewusstsein eingeprägt und bestimmt den Ausdruck ihrer Malerei.

Aber nicht nur die Farben, sondern auch die Oberflächenstrukturen unterliegen dem Einfluss und Erleben in ihren frühen Jahren in Prag. Der pompöse Barock- und der schmückende Jugendstil in der Architektur haben überall den Hang zur Dramatik, auch da, wo der Putz von den Wänden bröckelt und die Fassaden dem Verfall überlassen werden. Hinfällige Mauern zeigen deutlich die Schichten ihres Aufbaus, in denen sich das Licht besonders intensiv bricht.

Dieses Phänomen hat die Künstlerin aufgegriffen und auf die Leinwand übertragen, indem sie der Acryl- oder Ölfarbe Sand beimischt. So erzielt sie eine sehr haptische Oberfläche, in die sie, je nach Stärke des aufgetragenen Materials, Strukturen einkratzt. Durch diese Technik erreicht sie auf der Leinwand  jene intensive Lichtbrechung, die sie auf den verfallenen Mauern  beobachten konnte. In einigen Bildern hat sie zusätzlich Stoffstreifen verschiedener Stärke und  Breite in das Farb-Sand-Gemisch eingefügt, um diese Ausdruckmöglichkeiten noch zu erweitern und zu intensivieren.

Die Durchsichtigkeit des Lichtes erzielt sie durch eine spezielle Technik, bei der sie die Leinwand vor dem Farbauftrag  mit Kreide einschlemmt. Die Feuchtigkeit  dieser Grundierung saugt die Farben auf und verteilt die Pigmente unregelmäßig auf der Oberfläche, die nun leicht und transparent wie ein Aquarell erscheint. Auch diese Technik leitet Dagmar Dost-Nolden aus der Erfahrung mit der Architektur ihrer Heimatstadt ab.

Werden Farben, Formen und Linien zur Synthese gebracht, so gewinnt  die Komposition eines Bildes Ausgewogenheit, Harmonie und Tiefe und die Oberfläche gerät in Schwingung.

Der berühmte englische Maler David Hockney hat einmal gesagt :  ..“Maler wissen um die Oberfläche;  nur wenn man die Oberfläche kennt, kann man durch sie hindurchgehen",.. Das ist Dagmar Dost-Nolden in ihrer Kunst gelungen.

Dr. Gisela Hoßmann